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Recht

Darlegungslast bei Vorschäden: Was Geschädigte wissen müssen

Die Darlegungslast bei Vorschäden ist eines der komplexesten Themen im Verkehrsunfallrecht. Wer nach einem Unfall Schadensersatz fordert, muss nachweisen, welche Schäden durch den aktuellen Unfall verursacht wurden. Hat das Fahrzeug bereits Vorschäden, wird diese Beweisführung deutlich anspruchsvoller. Der BGH hat in mehreren Grundsatzentscheidungen – zuletzt mit dem wegweisenden Beschluss VI ZR 122/23 vom 30. Juli 2024 – die Anforderungen an die Darlegungslast präzisiert und zugunsten der Geschädigten erleichtert.

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Auf einen Blick

  • BGH VI ZR 122/23 (2024): § 287 ZPO erleichtert auch die Darlegungslast bei Vorschäden
  • OLG Celle 14 U 52/25 (2025): Ende der strengen 'Celler Linie' – Vorschadenwende
  • Geschädigter muss keine unmöglichen Detailkenntnisse über Vorschäden vorweisen
  • Gericht muss Sachverständige heranziehen statt Klage pauschal abzuweisen
  • Gebrauchsspuren sind keine Vorschäden (OLG Hamm 7 U 45/21)
  • VGT-AK VI Resolution (2024): 3-Punkte-Empfehlung zu Vorschäden im Gutachten

Grundsatz: Wer muss was beweisen?

Im Schadensersatzrecht gilt der Grundsatz, dass der Geschädigte die Darlegungs- und Beweislast für den Umfang seines Schadens trägt (§ 249 BGB). Das bedeutet: Sie müssen nachweisen, dass die geltend gemachten Schäden tatsächlich durch den aktuellen Unfall verursacht wurden.

Allerdings gilt eine wichtige Einschränkung: Bevor Sie überhaupt zu Vorschäden vortragen müssen, muss die Schädigerseite (also die gegnerische Versicherung) zunächst darlegen und beweisen, dass überhaupt ein Vorschaden existiert. Erst wenn ein Vorschaden feststeht oder unstreitig ist, trifft Sie als Geschädigten die besondere Darlegungslast.

Die drei Stufen der Darlegungslast

Die Rechtsprechung unterscheidet je nach Konstellation unterschiedliche Anforderungen an die Darlegung:

Stufe 1: Überlagernder Vorschaden (gleicher Bereich)

Dies ist der schwierigste Fall: Der Neuschaden betrifft denselben Bereich wie ein früherer Schaden. Hier muss der Geschädigte nach der Rechtsprechung des BGH (VI ZR 9/17) in allen Einzelheiten darlegen:

  • Art und Umfang des Vorschadens
  • Welche konkreten Reparaturmaßnahmen durchgeführt wurden
  • Dass die Reparatur fachgerecht erfolgte

Ohne diesen Nachweis kann die Klage vollständig abgewiesen werden, da das Gericht nicht feststellen kann, welcher Schaden durch den aktuellen Unfall verursacht wurde.

Stufe 2: Vorschaden in der Vorbesitzzeit

Wenn der Vorschaden in der Besitzzeit eines früheren Eigentümers entstanden ist, gelten erleichterte Anforderungen. Der BGH hat in seiner Leitentscheidung VI ZR 377/18 (15.10.2019) klargestellt:

Der Geschädigte darf vermuten, dass ein in der Vorbesitzzeit entstandener Vorschaden fachgerecht repariert wurde. Es genügt die Behauptung der fachgerechten Reparatur unter Zeugenbeweis.

Das bedeutet: Sie müssen keine Rechnungen oder Werkstattdokumente aus der Vorbesitzzeit vorlegen. Es reicht, wenn Sie einen Zeugen benennen können – etwa den Vorbesitzer, einen KFZ-Mechaniker oder einen DEKRA-Sachverständigen –, der bestätigt, dass das Fahrzeug bei Übergabe in ordnungsgemäßem Zustand war.

Stufe 3: Bagatell-Vorschaden

Bei geringfügigen Vorschäden wie oberflächlichen Kratzern oder kleinen Dellen hat das OLG Celle (14 U 149/22, 01.03.2023) entschieden, dass es genügt nachzuweisen, dass der Vorschaden zum Unfallzeitpunkt nicht mehr erkennbar war. Das Gericht kann dies anhand des Akteninhalts (Fotos, Gutachten) selbst feststellen.

Die Vorschadenwende 2024/2025

BGH VI ZR 122/23 (30.07.2024) – Der Wendepunkt

Mit dem Beschluss vom 30. Juli 2024 hat der BGH die Rechte der Geschädigten bei Vorschäden erheblich gestärkt. Die Kernaussagen:

  • § 287 ZPO erleichtert nicht nur die Beweisführung, sondern auch die Darlegungslast. Das Gericht darf und muss den Schaden schätzen, wenn eine exakte Bezifferung nicht möglich ist.
  • Vom Geschädigten dürfen keine unmöglichen Detailkenntnisse verlangt werden. Wer nicht weiß, wie genau ein Vorschaden repariert wurde, darf deswegen nicht seinen gesamten Anspruch verlieren.
  • Das Gericht muss Sachverständige heranziehen, um Neuschäden von Altschäden abzugrenzen. Eine pauschale Klageabweisung ohne Beweisaufnahme verletzt Art. 103 Abs. 1 GG (rechtliches Gehör).
  • Die Kosten für das Sachverständigengutachten zur Abgrenzung trägt der Schädiger, nicht der Geschädigte.
  • OLG Celle 14 U 52/25 (22.10.2025) – Ende der strengen "Celler Linie"

    Die Entscheidung des OLG Celle markiert eine historische Wende. Das OLG Celle war jahrelang für seine besonders strenge Linie bei Vorschäden bekannt: Konnte der Geschädigte den Vorschaden nicht lückenlos dokumentieren, wurde die Klage abgewiesen. Mit dem Urteil 14 U 52/25 hat das OLG Celle diese strenge Linie ausdrücklich aufgegeben und sich der BGH-Rechtsprechung angeschlossen:

    • Keine pauschale Abweisung mehr bei Unklarheiten über Vorschäden
    • Beweisaufnahme statt Formalismus
    • Mindestschadensschätzung nach § 287 ZPO ist möglich und geboten

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