Lackierkosten im Fokus: Was Sie über Stundenverrechnungssätze und Co. wissen müssen
Nach einem Unfall ist die Instandsetzung des Fahrzeugs oft mit erheblichen Kosten verbunden, wobei Lackierarbeiten einen wesentlichen Teil ausmachen. Für Geschädigte ist es entscheidend, die Besonderheiten bei der Berechnung von Lackierkosten zu verstehen, um ihre Ansprüche erfolgreich durchzusetzen.
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# Lackierkosten im Fokus: Was Sie über Stundenverrechnungssätze und Co. wissen müssen
Nach einem Unfall ist die Instandsetzung des Fahrzeugs oft mit erheblichen Kosten verbunden, wobei Lackierarbeiten einen wesentlichen Teil ausmachen. Für Geschädigte ist es entscheidend, die Besonderheiten bei der Berechnung von Lackierkosten zu verstehen, um ihre Ansprüche gegenüber der gegnerischen Haftpflichtversicherung erfolgreich durchzusetzen und Kürzungen zu vermeiden. Dieser Artikel beleuchtet die zentralen Aspekte von Stundenverrechnungssätzen, Materialkosten und gängigen Lackierverfahren.
Die Besonderheiten der Stundenverrechnungssätze bei Lackierarbeiten
Die Kosten für Lackierarbeiten übersteigen in der Regel die für rein mechanische oder karosserietechnische Arbeiten. Laut aktuellen Erhebungen des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) lag der durchschnittliche Stundenverrechnungssatz für Lackierarbeiten im Jahr 2023 bei 205 Euro, während für Mechanik- und Karosseriearbeiten 188 Euro pro Stunde anfielen. Dieser Unterschied ist auf die hochspezialisierte Ausbildung der Fachkräfte, die teure technische Ausstattung einer modernen Lackiererei und die gesundheits- sowie umweltschutzrechtlichen Auflagen zurückzuführen. Seit 2017 sind die Sätze in diesem Bereich um über 40 Prozent gestiegen, was die dynamische Kostenentwicklung unterstreicht.
Lackmaterial: Ein separater Kostenfaktor
Ein weit verbreiteter Irrtum ist die Annahme, dass die Stundenverrechnungssätze bereits die Kosten für das Lackmaterial beinhalten. Tatsächlich werden Lacke, Füller, Klarlack und weitere benötigte Materialien separat und nach Verbrauch oder über Pauschalsysteme wie AZT oder Euro-Lack-System abgerechnet. Ein qualifiziertes KFZ-Gutachten listet diese Positionen detailliert auf und sorgt so für Transparenz bei der Schadensregulierung.
Von Verbringungskosten bis zur Beilackierung: Wichtige Kostenpositionen
Neben den reinen Lohn- und Materialkosten fallen bei Lackschäden oft weitere Positionen an, die von Versicherungen kritisch geprüft werden. Es ist daher wichtig, deren Notwendigkeit zu verstehen und argumentieren zu können.
Verbringungskosten zur Lackiererei
Nicht jede KFZ-Werkstatt verfügt über eine eigene Lackiererei. In solchen Fällen muss das Fahrzeug in einen spezialisierten Lackierbetrieb transportiert werden. Die hierfür anfallenden „Verbringungskosten“ sind ein ersatzfähiger Schaden und müssen von der Versicherung getragen werden, sofern sie im KFZ-Gutachten als erforderlich ausgewiesen sind. Der Bundesgerichtshof (BGH) hat wiederholt bestätigt, dass der Geschädigte Anspruch auf die Erstattung der in einer markengebundenen Fachwerkstatt anfallenden Reparaturkosten hat, wozu auch die Verbringungskosten zählen (vgl. BGH, Urteil vom 20.10.2009, Az. VI ZR 53/09).
Spot-Repair versus Komplettlackierung
Bei kleineren Lackschäden kommt oft das sogenannte Spot-Repair-Verfahren zum Einsatz. Hierbei wird nur die unmittelbar beschädigte Stelle ausgebessert, was Kosten und Zeit spart. Eine Komplettlackierung des gesamten Bauteils ist hingegen bei größeren Schäden oder dann notwendig, wenn eine farbtonangleichende Lackierung anders nicht möglich ist. Ein erfahrener KFZ-Gutachter wird die technisch und wirtschaftlich sinnvollste Methode zur Beseitigung des Schadens festlegen. Die Entscheidung für die teurere Komplettlackierung muss im Gutachten nachvollziehbar begründet sein, um Kürzungen durch die Versicherung zu vermeiden.
Die Notwendigkeit der Beilackierung
Um Farbunterschiede zwischen frisch lackierten und angrenzenden, unbeschädigten Karosserieteilen zu vermeiden, ist oft eine „Beilackierung“ erforderlich. Dabei werden die angrenzenden Flächen in einem sanften Übergang mitlackiert, um eine optische Einheitlichkeit zu gewährleisten. Besonders bei Metallic- und Effektlacken ist dies unerlässlich. Versicherungen versuchen häufig, die Kosten für die Beilackierung zu streichen, insbesondere bei der Fiktive Abrechnung. Der BGH hat jedoch klargestellt, dass auch bei fiktiver Abrechnung Anspruch auf die Kosten für eine technisch notwendige Beilackierung bestehen kann (vgl. BGH, Urteil vom 17.11.2019, Az. VI ZR 30/19).
Farbtonfindung und Kürzungsversuche der Versicherungen
Die exakte Bestimmung des Farbtons ist eine Kunst für sich. Moderne Fahrzeuge haben oft komplexe Lackierungen, deren exakter Farbton nur durch spezielle Messgeräte und die Erfahrung des Lackierers ermittelt werden kann. Die Kosten für die Farbtonsuche und das Anmischen der Farbe sind ebenfalls Teil des ersatzfähigen Schadens.
Versicherungen versuchen regelmäßig, die im Gutachten angesetzten Lackierkosten zu kürzen. Argumente sind oft überhöhte Stundenverrechnungssätze, nicht notwendige Beilackierungen oder die Verweisung auf günstigere, freie Werkstätten. Als Geschädigter haben Sie jedoch das Recht auf eine vollständige und fachgerechte Wiederherstellung Ihres Fahrzeugs. Ein detailliertes und gut begründetes KFZ-Gutachten ist hierbei Ihr wichtigstes Instrument, um unberechtigte Kürzungen abzuwehren und Ihre Ansprüche, notfalls auch gerichtlich, durchzusetzen.
| Kostenart | Durchschnittlicher Satz 2023 | Anmerkungen |
|---|---|---|
| Stundenverrechnungssatz Mechanik/Karosserie | 188 €/h | Quelle: GDV |
| Stundenverrechnungssatz Lackierung | 205 €/h | Quelle: GDV, exklusive Materialkosten |
| Lackmaterial | Separat nach Verbrauch | Abrechnung über Systeme wie AZT/Euro-Lack |
| Verbringungskosten | Nach Aufwand | Nur wenn Werkstatt keine eigene Lackiererei hat |
| Beilackierung | Nach Aufwand | Notwendig zur Vermeidung von Farbunterschieden |
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Warum sind die Stundenverrechnungssätze für Lackierarbeiten höher als für Mechanik?
Die höheren Sätze für Lackierarbeiten (2023: ca. 205 €/h vs. 188 €/h) resultieren aus der hochspezialisierten Ausbildung der Lackierer, der teuren technischen Ausstattung der Lackierereien (z.B. Lackierkabinen, Farbmischcomputer) und den strengen Umwelt- und Gesundheitsschutzauflagen, die hohe Investitionen erfordern.
Sind die Kosten für den Lack im Stundenverrechnungssatz enthalten?
Nein, das Lackmaterial wird in der Regel separat vom Stundenlohn berechnet. Die Kosten für Lacke, Füller und Klarlack werden nach Verbrauch oder über Pauschalsysteme wie AZT oder das Euro-Lack-System ermittelt und im KFZ-Gutachten gesondert ausgewiesen.
Muss die Versicherung die Kosten für die Beilackierung angrenzender Teile immer bezahlen?
Ja, wenn die Beilackierung technisch notwendig ist, um einen Farbunterschied zum neu lackierten Teil zu vermeiden, handelt es sich um einen erstattungsfähigen Schaden. Dies gilt laut BGH-Rechtsprechung auch bei der Fiktive Abrechnung, auch wenn Versicherungen hier oft zu kürzen versuchen.
Was sind Verbringungskosten und wer trägt sie?
Verbringungskosten entstehen, wenn eine Werkstatt keine eigene Lackiererei hat und das Fahrzeug zum Lackieren in einen anderen Betrieb transportieren muss. Diese Kosten sind Teil des Gesamtschadens und müssen von der gegnerischen Haftpflichtversicherung erstattet werden, wenn sie im KFZ-Gutachten als erforderlich aufgeführt sind.
Kann die Versicherung mich auf eine günstigere Werkstatt verweisen, um Lackierkosten zu sparen?
Als Geschädigter haben Sie grundsätzlich das Recht auf eine Reparatur in einer markengebundenen Fachwerkstatt. Eine Verweisung auf eine günstigere, freie Werkstatt ist nur unter engen Voraussetzungen zulässig, beispielsweise wenn diese nachweislich den gleichen Qualitätsstandard bietet und für Sie zumutbar erreichbar ist.
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